Im Gegensatz zur weit verbreiteten Meinung a la “Ich bring meinem Pferd mal gerade was bei” bilden auch Zirkuslektionen ein vollwertiges Ausbildungssystem, das einer Ausbildungsskala folgt und korrekt ausgeführte Lektionen voraussetzt. Innerhalb dieses Systems gibt es zwar viel Gestaltungsfreiraum, aber dennoch gibt es einige Dinge, die man beachten sollte.
Um das System an sich und auch die einzelnen Lektionen soll sich hier nach und nach eine Reihe zum Thema Zirkuslektionen drehen. Jeder ist herzlich eingeladen auszuprobieren und seine Erfahrungen, Anregungen und Ideen in Form von Kommentaren beizutragen.
Voraussetzungen
Wie schon gesagt, Zirkuslektionen sind mehr als nur planlos herumalbern oder irgendwie irgendwelche Verrenkungen auszuführen. Sie bilden ein vollwertiges Ausbildungssystem mit einer Ausbildungsskala, mit der man sich auseinandersetzen sollte. Keine Zirkuslektion lernt sich so mal eben nebenbei.
Die möglichst optimale Vorbereitung des Pferdes sollte dabei stets ein Anliegen sein.. Nur dann werden Abläufe und Lektionen korrekt erlernt. Das ist wichtig, denn all diese Lektionen belasten den Bewegungsapparat. Ohne eine gute Vorarbeit und eine Aufwärmphase sind Verletzungen vorprogrammiert. Eine sinnvolle Gymnastizierung lässt sich zudem nur durch korrekte saubere Ausführung erzielen.
Aus diesem Grund sollte jedes Pferd zuvor am Boden eine gewisse Grunderziehung erhalten haben. Nach welchem System (z.B. Parelli, Tellington etc) diese erfolgt ist hierbei absolut nebensächlich. Wichtig ist nur, dass der Ausbilder sich für eine klare Linie entscheidet um das Pferd nicht zu verunsichern.
Zu dieser Grunderziehung gehören u.a. auch die folgenden Punkte:
- Führen im Schritt und Trab
- Führen auf Abstand (das Pferd läuft in einem vom Ausbilder bestimmten Abstand neben dem Ausbilder her)
- Halten und Stehenbleiben aus jeder möglichen Situation heraus
- Rückwärtsrichten
- Übergänge zwischen allen Gangarten auf Kommando
- Stangenarbeit in allen nur denkbaren Varianten (fördert Koordination, Aufmerksamkeit und Gehorsam)
- absolute Angstfreiheit im Bezug auf die Gerte
Das Erarbeiten dieser Punkte kann durchaus etwas Zeit in Anspruch nehmen. Aber mit so einer fundierten Basis arbeitet es sich später nicht nur leichter sondern auch sicherer!
Durch die Grundausbildung lernen die Pferde dem Ausbilder gegenüber aufmerksam zu bleiben, ihre Beine zu koordinieren und auf feinfühlige Hilfen zu reagieren.
Ein paar Hinweise
Es gibt immer Lektionen, die sich nicht für jedes Pferd eignen. Genau wie wir Menschen haben auch Pferde verschiedene Talente und Vorlieben. Es sollte uns daher im Laufe der Ausbildung immer ein Anliegen sein diese zu erkennen und zu fördern um Motivation und Spaß zu erhalten. Des weiteren erweisen sich bei einigen Charakteren manche Lektionen als absolutes No-Go. Pferde, die die Rangordnung immer wieder auch dem Menschen gegenüber in Frage stellen, sollten zum Beispiel nicht unbedingt in Lektionen wie Steigen gearbeitet werden bevor dieses Problem nicht anhaltend behoben ist um eine solche Problematik nicht unnötig zu verstärken.
Wichtig ist, dass man stets eine genaue Vorstellung davon hat, was man möchte und wie man zum Ziel kommt bevor man mit der gemeinsamen Arbeit beginnt. Einfach loslegen und gucken was passiert ist keine erstrebenswerte Alternative. Bevor man eine Lektion erarbeitet, sollte man daher bereits über sinnvolle Hilfen nachdenken. Um ein ungewolltes Abspulen von erlernten Lektionen im alltäglichen Umgang zu vermeiden, ist es wichtig Stimm- und Gertenhilfen sowie Körpersprache immer zusammen zu verwenden. So lernt das Pferd eine Lektion erst dann auszuführen, wenn alle drei Hilfen zusammen gegeben werden. Das verhindert unter Umständen Unfälle durch Missverständnisse. Mit der Zeit und dem kommenden Feinschliff verfeinern sich die Hilfen und das mit der Lektion verbundene Stimmkommando wird nach und nach an Bedeutung verlieren, je präziser die Körpersprache des Ausbilders wird. Dies bedeutet natürlich auch, dass er mit selbiger äußerst bewusst umgehen muss.
Die Reihenfolge der zirzensischen Lektionen leitet sich aus dem natürlichen Bewegungsablauf des Pferdes ab. Beobachtet man ein Pferd und sein Verhalten z.B. auf der Weide, wird man viele Lektionen bereits „erahnen“ können. Wer einmal gesehen hat in welchen Schritten sich ein Pferd zum Wälzen ablegt und wieder aufsteht oder welche „Verrenkungen“ Pferde machen, wenn sie gemeinsam spielen, der wird schnell merken wie Zirkuslektionen entstanden sind. Man nimmt natürliche Bewegungsabläufe und versucht in kleinen Ausbildungsschritten diese zu verzögern oder gar anzuhalten. Grundsätzlich werden dabei zunächst erst Lektionen „nach unten“ (wie Kompliment) erlernt und dann Lektionen „nach oben“ (z.B. spanischer Schritt). Die Lektionen über dem Boden entstammen dem Imponier- und Dominanzverhalten der Pferde und sollten daher erst erarbeitet werden, wenn erste Lektionen am Boden sitzen. So wird das Risiko im Bezug auf Rangordnungsdiskussionen von vorneherein minimiert.
Wie in vielen Reitlehren auch gibt es auch bei Zirkuslektionen kein Patentrezept. Viele Wege führen nach Rom und oft ist es vom Pferd abhängig, welchen man wählt. Bei eigener Unsicherheit empfiehlt es sich immer auf einen erfahrenen Ausbilder zurückzugreifen.
Bevor es endlich losgehen kann…
Das Zirkuslektionen einer Art Ausbildungsskala folgen und körperlich anstrengend für das Pferd sind, scheinen in der Tat wenige zu begreifen. Man kann es mit Kunstturnen vergleichen. Die Turner wärmen sich auch auf bevor sie einen Standspagat auf der Turnmatte machen. Auch ein Pferd sollte sich daher vorher aufwärmen – dem Mensch kann das übrigens auch nicht schaden!
Futterlob wird von vielen mit Skepsis betrachtet. Letztendlich ist es jedoch tatsächlich einfach eine Sache der Konsequenz. Wenn Pferde merken, dass es nur eine Belohnung gibt, wenn auch vorher ein Kommando kam, merken sie sich das recht schnell. Ein Leckerli zwischendurch gibt es nicht, am Anbinder schonmal gar nicht und so wird ein Drang zu betteln gar nicht erst erzeugt. Statt Leckerlis eignen sich auch Möhren oder kleine Stücke getrocknetes Brot.








